Samstag, 15. Oktober 2011


Der Ursprung des Narzissmus und die Folgen

Wenn Egoismus ungesund wird und Beziehungen zerstört

In psychologischen Gutachten über Kriminelle ist öfter von einer ‘narzisstischen Persönlichkeitsstörung’ die Rede. Und wohlbekannt dürfte die Legende von Narcissus sein, der sich in sein eigenes Spiegelbild unsterblich verliebte. Was aber genau ist Narzissmus und worin liegt er begründet? Die amerikanische Psychoanalytikerin Jane Goldberg beschäftigte sich eingehend mit diesem Phänomen, dessen Wurzeln ihrer Ansicht nach auf die Kindheit zurückgehen.

Säuglinge müssen narzisstisch sein

Ein Neugeborenes ist egozentrisch, um überleben zu können. Es ist von der Zuwendung von einer Bezugsperson abhängig, die seine Bedürfnisse befriedigt. Nach und nach nimmt das heranwachsende Kind seine Umwelt mehr und mehr wahr und der Narzissmus läßt nach. Allerdings ist Goldberg der Ansicht, dass ein Erwachsener jederzeit in die frühkindliche Phase zurückfallen kann. Problematisch wird es, wenn das Kind seine Entwicklungsschritte zur psychischen Reife nicht durchlaufen hat.

Zuneigung kostet etwas

Die Psychoanalytikerin Margaret Mahler forschte über die Zeitspanne der Loslösung und Individuation. Sie teilt sie in mehrere Abschnitte ein, in denen sich das Kind nach und nach zur eigenständigen Persönlichkeit entwickelt und sich von der Mutter löst. Wichtig dafür ist es, wenn Eltern ihrerseits vom Kind erwarten, dass es die Liebe, die es bekommt, auch zurückgibt. Nur so kann der Heranwachsende seine egozentrische Welt hinter sich lassen und zu einem verantwortungsbewussten Menschen heranreifen. Ein Beispiel dafür: Der kleine Peter soll zunächst sein Zimmer aufräumen, bevor er mit seinen Freunden Fußball spielen darf. Mit dieser Botschaft lernt Peter, dass jeder ein wenig Frustration aushalten muss, um einen Wunsch erfüllt zu bekommen. Es ist der erste Schritt, um die Balance von Geben und Nehmen zu verstehen, was auch für spätere Partnerschaften im Erwachsenenalter notwendig ist.

Balance zwischen Geben und Nehmen

Wird das Kind jedoch ohne Leistung wie in einer Einbahnstraße einseitig mit Geschenken, Lob und Freiheiten überhäuft, lernt es nie, mit Frustrationen umzugehen. Und davon wird der Erwachsene mehr als genug erfahren. Der dreijährige Jan war es gewohnt, dass seine Mutter ihm jede Aufmerksamkeit schenkte. Als das neu eingestellte Kindermädchen nicht sofort auf sein Schreien im Wohnzimmer reagierte und zu ihm kam, warf er voller Zorn einen Stuhl um. Ein anderes Mal schlug er die Betreuerin in die Nieren, weil sie in einem Buch las, anstatt sich ständig mit ihm zu beschäftigen. Die Erziehung eines solchen - verzogenen - Kindes ist bereits schwierig, als Erwachsener wird Jan sich voraussichtlich eine Partnerin suchen, die jeder seiner Launen nachgibt und sie befriedigt. Solche Menschen begreifen nur schwer, dass Liebe nicht nur schön ist. Sie wollen nicht wahrhaben, dass es auch Schattenseiten gibt und töten die Beziehung durch permanente Forderungen oder durch Flucht.

Antiautoritäre Erziehung schadet dem Kind

Kindern, denen alles erlaubt wird, tyrannisieren ihre Eltern und werden sehr schwierige erwachsene Menschen. Joel wurde jeder Wunsch von den Augen abgelesen und erfüllt. Mit 24 flog er von verschiedenen Schulen, drei seiner schwangeren Freundinnen drängte er zur Abtreibung, oftmals wurde er wegen Trunkenheit am Steuer belangt. Die Eltern sind entsetzt und fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Sie erzogen ihren Sohn zum selbstgefälligen Egoisten. Er lernte nie, Rücksicht auf andere zu nehmen. Frei nach dem Motto: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Joel erfuhr in der Erwachsenenwelt, dass andere Menschen nicht wie seine Eltern allen seinen Bedürfnissen nachgaben. Das erzeugte bei ihm eine ungeheuere Aggression. Aus dem kleinen Tyrannen wurde ein Diktator ohne ‘Untertanen’. Vielleicht findet er eines Tages eine devote Frau. Doch eine solche Verbindung wird eher die Hölle als der Himmel auf Erden sein.

Abhängigkeit statt reife Liebe

Oftmals beeindruckt ein solcher über die Maßen selbstbewusster Mann, der sich in der Macho-Rolle wohl fühlt. Wenn er auch noch gut aussieht, zieht er sicher bestimmte Frauen magisch an. Es gibt auch narzisstische Frauen, die Männer mit ihrem perfekten Auftreten beeindrucken. Doch bald schon merken die Partner, dass die Liebe der anderen nur sich selbst gilt und deren Hass auf die Welt sehr groß ist. Der Narzissmus hat mehr Verkleidungen als das blendende Äußere. Die 35-jährige Sonja ist attraktiv, aber unselbständig. Sie suchte sich einen anderweitig gebundenen Partner aus, den sie braucht, um keine Angst in ihrer Wohnung zu haben, um sich nicht einsam zu fühlen, der ihre Wäsche wäscht, für sie einkauft und die kaputten Birnen der Lampen wechselt. Tom soll sie beschützen, sie versorgen wie ein Kind und ihr Geborgenheit wie ein Vater geben.

Die narzisstische Liebe

Sonja sucht eigentlich keinen ebenbürtigen Lebensgefährten, sondern sie will einfach keine Angst haben. Die Balance zwischen Tom und Sonja ist gestört, weil es keinen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen gibt. Sie klammert sich an ihn wie eine Ertrinkende, weil sie sich nach wie vor in einer frühkindlichen, narzisstischen Periode befindet. Sonja schwelgt in der romantischen Vorstellung, in einem schönen, weißen Kleid mit Tom vor den Traualtar zu treten, obwohl er ihr nie einen Heiratsantrag gemacht hat und machen wird. Diese Phantasien sind Gefühle von Hilflosigkeit und Abhängigkeit eines einjährigen Kindes und haben mit echter kooperativer Liebe nichts zu tun. Sonja zeigt dadurch nicht, dass sie Tom schätzt oder wirklich versteht. Seine Bedürfnisse nimmt sie gar nicht wahr. Diese ‘Beziehung’ ist auf Sand gebaut und funktioniert nur so lange, wie Tom ihre Bedürfnisse befriedigt. Aber irgendwann wird diese Verbindung durch die permanenten Forderungen ihrerseits zusammenbrechen.

Wenn Kinder Kinder bekommen

Ein besonders tragischer Fall einer narzisstischen jungen Mutter ereignete sich in den Slums, irgendwo in den USA. Die 16-jährige Annie May, so berichtet Jane Goldberg, präsentierte ihre kleine Tochter gerne stolz in der Öffentlichkeit. Sie arbeitete als Hilfskraft in einer Kindertagesstätte und bezahlte von diesem Lohn die Kleidung, das Essen und die Arztrechnung ihrer Tochter. Annie behandelte ihr Kind aber wie eine Puppe, die nach dem Spielen weggelegt werden kann. So lange die Kleine mitmachte, war alles in Ordnung. Als das Mädchen aber krank wurde und Fieber bekam und laufend schrie, tötete Annie ihr Baby. Mit den Bedürfnissen anderer Menschen können narzisstische Personen nicht umgehen. Sie sind selbst Kinder, weil ihre Ansprüche nicht befriedigt wurden. Eva Dieckmann, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Freiburg bezieht sich auf Lorna Smith Benjamin: „Als besonders bedeutsam für die Entwicklung der NPS (narzisstischen Persönlichkeitsstörung) beobachtet sie einen Erziehungsstil, der eine (übertriebene) selbstlose Verwöhnung mit bewundernder Hingabe kombiniert.“   Es muss allerdings differenziert werden zwischen zuviel Zuwendung in der Kindheit und zuwenig Liebe. Beide Erziehungsmethoden sind falsch. Es ist kein Wunder, dass so viele Erziehungsfehler gemacht werden, da in keiner öffentlichen Schule das Fach ‘Kindererziehung’ auf dem Stundenplan steht. Lediglich in den Hochschulen wird es theoretisch und wissenschaftlich gelehrt. Die jungen Mütter sind folglich auf die Ratschläge von Bekannten, Verwandten und auf die Lektüre von Fachbüchern angewiesen. Wie die Scheidungsraten und die Kriminalstatistik beweisen, reicht das nicht aus.
© Corinna S. Heyn

- Lit. Heinz-Peter Röhr, Narzissmus. Das innere Gefängnis. dtv 2005

-Eva Dieckmann, Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Schematherapie behandeln, Klett-Cotta 2011

- Günter H. Seidler/Harald J. Freyberger/Andreas Maercker (Hrsg.), Handbuch der Psychotraumatologie, Klett-Cotta 2011