Der Ursprung des Narzissmus
und die Folgen
Wenn Egoismus ungesund wird
und Beziehungen zerstört
In psychologischen Gutachten
über Kriminelle ist öfter von einer ‘narzisstischen Persönlichkeitsstörung’ die
Rede. Und wohlbekannt dürfte die Legende von Narcissus sein, der sich in sein
eigenes Spiegelbild unsterblich verliebte. Was aber genau ist Narzissmus und
worin liegt er begründet? Die amerikanische Psychoanalytikerin Jane Goldberg
beschäftigte sich eingehend mit diesem Phänomen, dessen Wurzeln ihrer Ansicht
nach auf die Kindheit zurückgehen.
Säuglinge müssen narzisstisch sein
Ein Neugeborenes ist
egozentrisch, um überleben zu können. Es ist von der Zuwendung von einer
Bezugsperson abhängig, die seine Bedürfnisse befriedigt. Nach und nach nimmt
das heranwachsende Kind seine Umwelt mehr und mehr wahr und der Narzissmus läßt
nach. Allerdings ist Goldberg der Ansicht, dass ein Erwachsener jederzeit in
die frühkindliche Phase zurückfallen kann. Problematisch wird es, wenn das Kind
seine Entwicklungsschritte zur psychischen Reife nicht durchlaufen hat.
Zuneigung kostet etwas
Die Psychoanalytikerin Margaret
Mahler forschte über die Zeitspanne der Loslösung und Individuation. Sie teilt
sie in mehrere Abschnitte ein, in denen sich das Kind nach und nach zur
eigenständigen Persönlichkeit entwickelt und sich von der Mutter löst. Wichtig
dafür ist es, wenn Eltern ihrerseits vom Kind erwarten, dass es die Liebe, die
es bekommt, auch zurückgibt. Nur so kann der Heranwachsende seine egozentrische
Welt hinter sich lassen und zu einem verantwortungsbewussten Menschen
heranreifen. Ein Beispiel dafür: Der kleine Peter soll zunächst sein Zimmer
aufräumen, bevor er mit seinen Freunden Fußball spielen darf. Mit dieser
Botschaft lernt Peter, dass jeder ein wenig Frustration aushalten muss, um
einen Wunsch erfüllt zu bekommen. Es ist der erste Schritt, um die Balance von
Geben und Nehmen zu verstehen, was auch für spätere Partnerschaften im
Erwachsenenalter notwendig ist.
Balance zwischen Geben und Nehmen
Wird das Kind jedoch ohne
Leistung wie in einer Einbahnstraße einseitig mit Geschenken, Lob und
Freiheiten überhäuft, lernt es nie, mit Frustrationen umzugehen. Und davon wird
der Erwachsene mehr als genug erfahren. Der dreijährige Jan war es gewohnt,
dass seine Mutter ihm jede Aufmerksamkeit schenkte. Als das neu eingestellte
Kindermädchen nicht sofort auf sein Schreien im Wohnzimmer reagierte und zu ihm
kam, warf er voller Zorn einen Stuhl um. Ein anderes Mal schlug er die
Betreuerin in die Nieren, weil sie in einem Buch las, anstatt sich ständig mit
ihm zu beschäftigen. Die Erziehung eines solchen - verzogenen - Kindes ist
bereits schwierig, als Erwachsener wird Jan sich voraussichtlich eine Partnerin
suchen, die jeder seiner Launen nachgibt und sie befriedigt. Solche Menschen
begreifen nur schwer, dass Liebe nicht nur schön ist. Sie wollen nicht
wahrhaben, dass es auch Schattenseiten gibt und töten die Beziehung durch
permanente Forderungen oder durch Flucht.
Antiautoritäre Erziehung schadet dem Kind
Kindern, denen alles erlaubt
wird, tyrannisieren ihre Eltern und werden sehr schwierige erwachsene Menschen.
Joel wurde jeder Wunsch von den Augen abgelesen und erfüllt. Mit 24 flog er von
verschiedenen Schulen, drei seiner schwangeren Freundinnen drängte er zur Abtreibung,
oftmals wurde er wegen Trunkenheit am Steuer belangt. Die Eltern sind entsetzt
und fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Sie erzogen ihren Sohn zum
selbstgefälligen Egoisten. Er lernte nie, Rücksicht auf andere zu nehmen. Frei
nach dem Motto: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Joel erfuhr in der
Erwachsenenwelt, dass andere Menschen nicht wie seine Eltern allen seinen
Bedürfnissen nachgaben. Das erzeugte bei ihm eine ungeheuere Aggression. Aus
dem kleinen Tyrannen wurde ein Diktator ohne ‘Untertanen’. Vielleicht findet er
eines Tages eine devote Frau. Doch eine solche Verbindung wird eher die Hölle
als der Himmel auf Erden sein.
Abhängigkeit statt reife Liebe
Oftmals beeindruckt ein
solcher über die Maßen selbstbewusster Mann, der sich in der Macho-Rolle wohl fühlt.
Wenn er auch noch gut aussieht, zieht er sicher bestimmte Frauen magisch an. Es
gibt auch narzisstische Frauen, die Männer mit ihrem perfekten Auftreten
beeindrucken. Doch bald schon merken die Partner, dass die Liebe der anderen nur
sich selbst gilt und deren Hass auf die Welt sehr groß ist. Der Narzissmus hat
mehr Verkleidungen als das blendende Äußere. Die 35-jährige Sonja ist
attraktiv, aber unselbständig. Sie suchte sich einen anderweitig gebundenen
Partner aus, den sie braucht, um keine Angst in ihrer Wohnung zu haben, um sich
nicht einsam zu fühlen, der ihre Wäsche wäscht, für sie einkauft und die
kaputten Birnen der Lampen wechselt. Tom soll sie beschützen, sie versorgen wie
ein Kind und ihr Geborgenheit wie ein Vater geben.
Die narzisstische Liebe
Sonja sucht eigentlich
keinen ebenbürtigen Lebensgefährten, sondern sie will einfach keine Angst
haben. Die Balance zwischen Tom und Sonja ist gestört, weil es keinen Ausgleich
zwischen Geben und Nehmen gibt. Sie klammert sich an ihn wie eine Ertrinkende,
weil sie sich nach wie vor in einer frühkindlichen, narzisstischen Periode
befindet. Sonja schwelgt in der romantischen Vorstellung, in einem schönen,
weißen Kleid mit Tom vor den Traualtar zu treten, obwohl er ihr nie einen
Heiratsantrag gemacht hat und machen wird. Diese Phantasien sind Gefühle von
Hilflosigkeit und Abhängigkeit eines einjährigen Kindes und haben mit echter
kooperativer Liebe nichts zu tun. Sonja zeigt dadurch nicht, dass sie Tom
schätzt oder wirklich versteht. Seine Bedürfnisse nimmt sie gar nicht wahr.
Diese ‘Beziehung’ ist auf Sand gebaut und funktioniert nur so lange, wie Tom
ihre Bedürfnisse befriedigt. Aber irgendwann wird diese Verbindung durch die
permanenten Forderungen ihrerseits zusammenbrechen.
Wenn Kinder Kinder bekommen
Ein besonders tragischer
Fall einer narzisstischen jungen Mutter ereignete sich in den Slums, irgendwo
in den USA. Die 16-jährige Annie May, so berichtet Jane Goldberg, präsentierte
ihre kleine Tochter gerne stolz in der Öffentlichkeit. Sie arbeitete als
Hilfskraft in einer Kindertagesstätte und bezahlte von diesem Lohn die
Kleidung, das Essen und die Arztrechnung ihrer Tochter. Annie behandelte ihr
Kind aber wie eine Puppe, die nach dem Spielen weggelegt werden kann. So lange
die Kleine mitmachte, war alles in Ordnung. Als das Mädchen aber krank wurde
und Fieber bekam und laufend schrie, tötete Annie ihr Baby. Mit den
Bedürfnissen anderer Menschen können narzisstische Personen nicht umgehen. Sie
sind selbst Kinder, weil ihre Ansprüche nicht befriedigt wurden. Eva Dieckmann,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Freiburg bezieht sich auf
Lorna Smith Benjamin: „Als besonders bedeutsam für die Entwicklung der NPS
(narzisstischen Persönlichkeitsstörung) beobachtet sie einen Erziehungsstil,
der eine (übertriebene) selbstlose Verwöhnung mit bewundernder Hingabe
kombiniert.“ Es muss allerdings
differenziert werden zwischen zuviel Zuwendung in der Kindheit und zuwenig
Liebe. Beide Erziehungsmethoden sind falsch. Es ist kein Wunder, dass so viele
Erziehungsfehler gemacht werden, da in keiner öffentlichen Schule das Fach
‘Kindererziehung’ auf dem Stundenplan steht. Lediglich in den Hochschulen wird
es theoretisch und wissenschaftlich gelehrt. Die jungen Mütter sind folglich
auf die Ratschläge von Bekannten, Verwandten und auf die Lektüre von
Fachbüchern angewiesen. Wie die Scheidungsraten und die Kriminalstatistik
beweisen, reicht das nicht aus.
© Corinna S. Heyn
- Lit. Heinz-Peter Röhr,
Narzissmus. Das innere Gefängnis. dtv 2005
-Eva Dieckmann, Die
Narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Schematherapie behandeln, Klett-Cotta
2011
- Günter H. Seidler/Harald
J. Freyberger/Andreas Maercker (Hrsg.), Handbuch der Psychotraumatologie,
Klett-Cotta 2011